Hertha BSC – 1 FC Köln 2:0

Zuschauer: 40.181

Hertha gegen Köln – das ist keine schlechte Nummer. Immerhin ist es generell vorstellbar einen Sieg gegen die Domstädter zu erringen, außerdem gibt es einen interessanten Gegner auf den Rängen. Die aktive Ultra- und Fanszene des 1.FC Köln ist seit Jahren auf einem guten Niveau unterwegs (meiner Meinung nach mit Außnahme der „Boyz“) und hat mit der Wilden Horde 1996 auch eine der ältesten relevanten Ultragruppen in Deutschland. Ne gewisse Rivalität besteht auch, so dass wir in Köln immer die Augen offenhalten. Nicht zu vergessen deren Freundschaft nach Paris, die irgendwie noch ein Relikt aus der alten Ultras-Zeit ist. Also: Durchaus interessant. Dazu noch Fluchtlicht! Wäre die englische Woche nicht so verdammt fanunfreundlich, vor allem für Auswärtsfahrende, wäre heute alles perfekt für einen schönen Fußballabend.

Der Spieltag begann unspektakulär mit der Nase in den Büchern, brachte aber den ersten Aufreger am Nachmittag. Venant, der gerade in unserer WG eingetroffen war, berichtete, wie ihm seine Handtasche am Alex geklaut wurde. Eine miese Nummer, vor allem weil viel Kohle in der Tasche war, die für die Anwaltsrechnung gebraucht wurde. Für uns wäre so eine Nummer schon sauätzend, für einen Flüchtling ist das Ausmaß allerdings noch viel größer. Wir sind dann erstmal zum nächstgelegenen Polizeirevier gefahren, um unserem Freund bei der Anzeige zu helfen. Zwar macht Venant super Fortschritte in der deutschen Sprache, so ein Polizeideutsch ist trotzdem nicht leicht zu verstehen. Wer mal mit den Bullen zu tun hatte, weiß wovon die Rede ist.

So kamen wir nicht mehr pünktlich zur Stadionöffnung an, wie es sonst immer unser Ziel ist. Die Jungschen wurden beim Fahnenkleben in die Pflicht genommen und für das kranke Geburtstagskind Quallé unterschrieben wir eine Karte mit Gruppa-Süd-Bild drauf. Prost Powder! Kaum war es möglich zwei Worte mit Heimkehrer Florida F. aus New York zu sprechen, da ging das berüchtigte „Schunkeln“ auch schon los. Das Stadion war heute wieder etwas leerer, was mir ein gutes Gefühl gab. Spiele am Abend mit viel Leerraum im Stadion – das kann gut schallen. Nikosia-Feeling. Ein bisschen so war es dann auch. Die Ostkurve hatte heute nen guten Auftritt. Sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Halbzeit. Klar es gab auch Hänger, etwa beim Ausfall der Beschallungsanlage, dafür aber auch nen ordentlichen Dauergesang. Darüber wurde später im Auto noch diskutiert. Heizt er die Stimmung an, oder nimmt er sie? Marn war da anderer Meinung als ich und eher genervt. Ich erinnerte mich an frühere Auswärtsfahrten in Zügen oder dem Bus, bei denen wir stundenlang das gleiche Lied sangen, bis wir in Trance waren. Ich fand das Extreme daran damals ziemlich geil.

Nun habe ich so viel von den Kölnern in der Einleitung geschrieben, doch wo waren sie eigentlich? Zum Anpfiff war nichts von den Ultrasgruppen zu sehen. Die restliche Masse an FC-Fans, darunter sicher viele Berliner, stand im Gästeblock stumm herum. Ein mir unerklärliches Phänomen. Wieso kriegen die Leute nur noch die Klappe auf, wenn der Vorsänger da ist? Positiv fiel dagegen eine Soli-Fahne für Flüchtlinge im Oberring auf und etwas später auch ein Spruchband zum gleichen Thema. Ich tippe auf Berliner FC-Fans als Urheber der Aktion? Keine Ahnung. Entscheidend ist ja das „Daß“ und nicht das „Wer genau“. Irgendwann in den ersten Minuten treffen die Gruppen dann ein und stürmen unter tosendem Applaus des Gästeblockes nach unten. Auf einmal war Stimmung angesagt. Merkwürdig. Aus der Ostkurve kam natürlich der Pöbel-Klassiker „Cologne Cologne, die Scheiße vom Dom“ in einer guten Lautstärke. Es ist doch einer der besseren Pöbel-Gesänge. Noch etwas Positives: Eine kleine Aktion wegen der beschissenen Anstoßzeiten gab es noch etwas später im Gästeblock – mehr kam dann aber wirklich nicht rüber. Akustisch jedenfalls war es ziemlich dünn. Aber wer weiß, wie umgekehrt unser Auftritt in Köln an einem Dienstag-Abend wäre, mit dem Wissen das der Großteil in Berlin bleibt!? Unterm Strich: Ostkurve vs. Gästeblock 1:0.

In der Ostkurve gab es noch ein Spruchband zur „Bild not welcome“-Aktion. Ich habe mich ja bereits im letzten Bericht von Felix kurz zu Wort gemeldet. Der Spruch heute lautete: „Jahrelang zünden und sich dann empören wenn es brennt. Bild not welcome.“
Hertha BSC - 1 FC Koeln  025
Unsere Mannschaft derweil spielte ja in den letzten Spielen ganz passabel. Selbst in Wolfsburg sah es nicht schlecht aus, wir hätten dort mindestens nen Punkt verdient gehabt. Heute blieb es solide. Endlich mal gab es auch nicht wenige herausgespielte Torchancen, daran mangelt es ja so oft. Neuzugang Vedad Ibisevic (mein Jahrgang! Bin ich dann doch noch nicht so alt? Oder spricht das total gegen ihn und die perspektivische Planung von Preetz?) schoss heute seine ersten beiden Tore für Hertha. Damit war der Sieg in Sack und Tüten. Geil waren die Zeitpunkte der Treffer: Jeweils unmittelbar vor dem Abpfiff. Sonst haben andere das Glück, heute ging es mal nicht gegen die Berliner. (Dauervorwurf von Fab.) Das 2:0 in der 94. Minute (oder so) ließ mich richtig eskalieren. Das tat richtig gut. Irgendwie und irgendwann muss doch all die Anspannung unserer Zeit mal raus. Ähnlich erging es Venant, der vor Freude wie ein Flummi laut lachend umhersprang und seinen Ärger vom Nachmittag so kurz mal ablegen konnte.

Fazit: Die Heimspiel-Saison läuft gut an. Allerdings muss ich trotzdem kurz warnen: Das war im letzten Jahr genauso, bevor die großen Enttäuschungen kamen.
KBK*15

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