DFB Pokal Halbfinale: Hertha BSC – Borussia Dortmund 0:3

Zuschauer: 76.233

Das bisher größte Hertha-Spiel unserer Generation

Wie soll ich anfangen? Was soll ich Euch über Hertha im DFB-Pokal erzählen? Ihr könnt sicher alle Eure eigenen Geschichten erzählen. Ich beginne mal bei unseren legendären Fahrten im Harlekins-Bus vor etlichen Jahren, als es noch die „gesungenen Spruchbänder“ gab. Der bekannteste Klassiker zusammen mit Marco-Marzahn, Smula und co. war natürlich: „Endspiel im Wohnzimmer Doppelpunkt lasst uns an einem Traum festhalten.“ Ja so haben wir das damals gesehen. Und umso enttäuschter waren wir von Jahr zu Jahr, als wir erkennen mussten, dass das die Mannschaft überhaupt nicht so sah. Auch im Verein schien die Lage irgendwie nicht erkannt werden. Wenn auf der Mitgliederversammlung Ingo Schiller bei der Finanzplanung von zwei Runden DFB-Pokal ausging (was wirtschaftlich absolut vernünftig ist!), erntete er ein leises Gelächter im Saal. Hertha im DFB-Pokal, das ist eine unendliche Leidensgeschichte. Als wir später 2008 in Dortmund im Pokal spielten (und in der Verlängerung in Runde 2 rausflogen), unterhielt ich mich mit ein paar älteren Hertha-Fans rund um die „Blue Army“. Die erzählten mir, dass sie nach all den Jahren beschlossen hatten, noch einmal im Pokal mit auswärts zu fahren. Wenn es heute nicht klappte, würden sie die Sache aufgeben. Zuviel Trauer, zu viel Wut. Ich habe mir überhaupt nichts derartiges vorgenommen und glaube auch nicht, dass die Leute das durchgezogen haben, aber seither bin ich anders zu den Pokalspielen gefahren. Der Traum war natürlich noch da, aber er war nicht mehr die alles bestimmende Wirklichkeit. (Bultmann-Anhänger mögen mir die Formulierung verzeihen.) Seither war eher diese ironische „Wir träumen jedes Jahr von der 2. Runde“-Linie vorherrschend. Klar hab ich da auch laut mitgesungen, aber so ganz hat es mir doch nicht gepasst. Denn, dass jedes Jahr aufs Neue andere Szenen (z.T. echte Rivalen) in unserer Kurve stehen und ihr Finale abfeiern, ist einfach unerträglich. Wenn dann noch in Betracht gezogen wird, wie Hertha jedes Jahr aufs Neue rausfliegt, dann ist die Sache doch eigentlich zu ärgerlich, um darüber zu lachen.
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Dieses Jahr war nun alles anders. Sicherlich lag das auch daran, dass sich Hertha offenbar mal etwas vorgenommen hat. Sei es vom Trainer, sei es vom Management. Der Pokal schien ernster genommen zu werden als vormals. Ein merkwürdiges Gefühl. Als sei unser vor 10 Jahren vorgetragenes „gesungenes Spruchband“ endlich angekommen. Der Weg ins Halbfinale war – völlig Hertha-untypisch – eine echte Erfolgsgeschichte. Zum Teil knappe Ergebnisse, zum Teil souveränes Weiterkommen (Nürnberg!). Als dann in Heidenheim der Traum vom Halbfinale wahrwurde, ging die Nervosität so richtig los. Am ersten Tag des Vorverkaufes wollte ich mir meine blockierten Tickets beim Fanshop im HBF abholen. Was für eine aberwitzige Idee! 3 Stunden stand ich in der Schlange, bevor mir Fritze erklärte, dass das vor dem Computer ein paar Minuten dauert. Es war so krass. Plötzlich wollten sie alle zu Hertha. Unter ihnen sicher sehr viele Verprellte und Verärgerte, die seit Jahren zu Hertha stehen, aber irgendwann den Traum aufgegeben haben.
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Ich dachte nach diesem Ansturm würden auch die Ligaspiele im Olympiastadion voller werden, aber so viel Begeisterung konnte das Berliner Publikum dann doch nicht aufbringen. Schade und schwach! Die nächsten Wochen vergingen mit Examensstrudel und allem Scheiß, während die Aufregung immer größer wurde. Am entscheidenden Mittwoch ging dann gar nichts mehr. Ich traf mich in West-Berlin mit Marn und fuhr Stunden vor dem Spiel zum Stadion. Bereits jetzt waren überall blau-weiße Schals und zum Teil die (hässlichen) Halbfinaltrikots zu sehen. Normalerweise würdest Du vor so einem Spiel überall nur Schwarz-Gelbe sehen. Aber heute eben nicht. Heute war tatsächlich einmal alles anders. Am Theo trafen wir unseren alten Haudegen Timo und später noch Smula. Auch außerhalb der Gruppa erkannten wir an allen Ecken bekannte Gesichter. Es war fast wie in früheren Tagen. Die Szene mobilisierte alle gegenwärtigen und ehemaligen Leute. Dazu waren noch viele Gäste aus Karlsruhe, Strasbourg und weiteren Szenen mit freundschaftlichen Kontakten zu Besuch. Überall war die gleiche Aufregung zu spüren. Der absolute Wahnsinn. Für mich war klar, dass ich heute mein altes „Continentale“-Trikot tragen musste, meinem ersten Herthaartikel. (Jaja, Kommerzkutte..) Im Stadion hatten bereits duzende Herthaner eine coole Zettelchoreo vorbereitet, dazu gab es ne Fahnenaktion im ganzen Stadion. Beides erzeugte später ein supergeiles Bild.

In der Kurve wurden dann schon zwei Stunden vor Anpfiff die ersten Gesänge angestimmt und Fahnen geschwenkt. Alle hatten Bock. Es ging die Ansage rum: „Wenn hier das 1:0 fällt, sind alle nackt!“ Dann der erste krasse Moment: Die Spieler betreten den Rasen. Ein Geräuschpegel brach los, wie ich ihn selten erlebt habe. Gänsehaut bei allen. Und mehr noch, als die Vorsänger neben der Kurve auch auf der Gegengerade die Leute zum Einhaken animierten. Der folgende Gesang war der krasseste und lauteste Fangesang den es je bei Hertha gegeben hat (behaupte ich jetzt mal frecher Weise). Ich will hoffen, dass wir das noch einmal erleben. Aber ich glaube es wird schwer diesen Moment zu toppen. Ich kam mir vor wie irgendwo im Ausland bei einer Mörderszene in Südamerika oder was weiß ich wo. Aber nicht wie im Olympiastadion mit dem „Scheiß Berliner Publikum“. Aber wie Fritze sagte. Die Leute waren heute „da“. Sie waren heiß. Und bei einer Führung wäre das Stadion hier heute explodiert. Bis auf den Gästebereich und ein paar wenige gelbe Punkte, war das ganze Stadion blau-weiß und gewillt der Mannschaft den Support zu geben, den sie verdiente und brauchte. Allein für diesen besonderen Moment hat sich der Tag gelohnt. Auch wenn es am Ende keine Traumerfüllung gab.
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Ich will jetzt nicht groß über die Mannschaftsleistung rummeckern. Das kann ich wieder bei den 0815-Spielen tun. Es war allerdings traurig, dass unsere Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit so wahnsinnig ängstlich agierte. Klar die Kulisse war krass und der Gegner echt gut. Trotzdem hat Hertha in diesem Jahr gezeigt, welches spielerische Potential in der Mannschaft steckt. Mit mehr Selbstbewusstsein hätte da mehr gehen können. Dass wir dann in der zweiten Halbzeit kurz nach der riesigen Chance zum 1:1 (Kalou!!!) unmittelbar das 0:2 durch Reus kassieren, gehört zum klassischen Verlauf unglücklicher Spiele. So bleibt leider am Ende alles beim Alten: Hertha kann das ganz große, wichtige Spiel nicht gewinnen. Aufgrund der genialen Atmosphäre werde ich das große Spiel dennoch in guter Erinnerung behalten. Solche Momente sind in der Hertha-Chronik selten. Andere mussten erstmal Dampf ablassen. Venant verließ kurz nach dem 0:3 fluchend den Block und vergaß dabei sogar seine Jacke. Aus unserem Kameruner Freund ist ein echter Herthaner geworden, dem die Sache richtig am Herzen liegt. Man war der sauer! Fritze meint, es ist seine erste große Hertha-Enttäuschung gewesen. Die haben alle Herthaner einmal erlebt. Auch Andere waren erst einmal verstimmt/verstummt und so musste ich etwas um das Gruppa-Bild werben. Am Ende fanden wir uns dann aber doch im Oberring für ein Foto zusammen, das dem besonderen Abend würdig war.

Fazit: Das bisher größte Hertha-Spiel unserer Generation haben wir auf dem Rasen, aber sicher nicht auf den Rängen verloren. Ha Ho He – Hertha BSC!

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