SG Eintracht Frankfurt – Hertha BSC 0:3

Zuschauer: 51000 (ausverkauft)

Es gibt Momente im Leben eines jeden Menschen, in denen es gilt, Entscheidungen zu treffen und zwischen zwei Optionen die bessere zu wählen. So traf es mich im Vorfeld der Planung meines Aufenthalts in Frankfurt. Mein unbändiges Patriotenherz machte einen mächtigen Satz als es erfuhr, dass die von mir über alles geliebte Rockband Frei.Wild mit ihrem bedeutungsschwangeren Albumtitel „Rivalen und Rebellen“ auf Tournee waren und an diesem Sonnabend in der Mainmetropole gastierten. Den Schlandbucket schon fast aufgesetzt und 88 Tickets bestellt, erreichte mich die Nachricht, ob ich denn gedenke, zum Herthaspiel zu gehen, was allerdings am selben Tag von statten gehen sollte. Schweren Herzens ließ ich mein Thor Steinar-Outfit samt Thorhammer im Kleiderschrank und begab mich am frühen Morgen Richtung Hauptbahnhof. Mittels ICE sollte es nach Hessen gehen. Nun gut, Frankfurt hat nicht erst seit den Ereignissen im letzten Februar einen gewissen Ruf weg und so stellte ich mich auf eine angespannte Hinfahrt ein; aber nichts da. Sobald der Wagen rollte, waren Spaß und gute Laune angesagt. Bei dem ein oder anderen Bierchen aus einem anlässlich eines Geburtstages gesponserten Kastens wurde munter drauflos philosophiert. Jetzt schon eine tolle Überraschung war, dass Moritz es schaffte, doch tatsächlich die Strapazen einer Auswärtsfahrt auf sich zu nehmen und dafür sogar einen Sektionsbesuch in Französisch-Polynesien sausen ließ.

Wie man da also so saß und sich seines Lebens erfreute, kam die erste Schocknachricht des Tages: Der Bistrowagen des hiesigen ICE (Grüße an Amir) gab den Geist auf. Ob es an einem kaputten Zapfhahn lag oder die Brezeln ausgegangen sind, bleibt Geheimnis des Lokführers. Anscheinend war der Schaden so einschneidend, dass man sich seitens des ehemaligen Hauptsponsors der Alten Dame außer Stande sah, das Ding bis Frankfurt schippern zu lassen. Also schnell sein Zeug gegriffen und so stand man vormittags am Wolfsburger Hauptbahnhof, um auf seinen Ersatzzug zu warten, der für uns außerplanmäßig hielt. Die Wartezeit vertrieben sich die sichtlich in Stimmung gekommenen Suffkutten, indem sie eine Bahnsteigsuhr mit dem kompletten Kleberarsenal von Herthaopa zukleisterten. Unsereins bevorzugte ein natürlich überhaupt nicht gestelltes Foto unserer Adidassneaker.

Nachdem die Wartezeit überbrückt war, enterten wir also den Ersatzzug, schlängelten uns durch den Kinderbereich und stellten uns unter den entsetzten Blicken sämtlicher Erziehungsberechtigter an die Tische im Bistro und ließen uns unsere Getränke schmecken. Robi hatte davon irgendwie die Nase voll und verschwand zum Pennen in den Sitzbereich. Nach kurzer Fahrt sowie angeregten Diskussionen über die Auffälligkeit der herthabezogenen Kleidungswahl, landeten wir in Hildesheim. Während die schon reichlich aufgetankten Kutten ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen und wieder massig Uhren mit Motiven, die einem wahlweise die Augen herausfallen ließen oder die Gefahr verhießen, von Pixeln erschlagen zu werden, suchte sich unsereins Sitzgelegenheiten.

Tragischerweise fand man nur einen Platz, der vom drögen Robi alsbald okkupiert wurde. Das wollte Micha nicht einfach so stehenlassen und setzte sich kurzerhand auf Robis Schenkel. Von der Idee angetan, taten Diva und meine Wenigkeit es ihm gleich und platzierten unsere Hintern auf den jeweils anderen Oberschenkeln. Sehr entspannt, nur Robi gefiel das alles ganz und gar nicht und nach einem Schüttler sowie sehr viel Suff auf meinem Shirt, befreite er sich von dieser Dreifachbelastung. Die Erbostheit nahm richtig wilde Züge an, als Nobbsen dann Micha unterstellte, dieser wiege eine Tonne. Enthemmt von ordentlich Futschi ließ Micha es Schellen regnen. Bei diesem absolut wilden Szenario verabschiedete sich auch noch der eh schon mäßig gefixte Bügel von Robis Brille. Doch unser Futschi auf den Steinen wäre nicht unser Futschi auf den Steinen, wenn er nicht auch dafür eine akkurate Lösung gefunden hätte. Kurzerhand die restliche Belegschaft um einen Kleber erleichtert und an Robis Brille befestigt, hielt das Ding fast von alleine. Nach ein wenig gegenseitigem Anraunen, kam dann auch der uns nach Frankfurt bringende ICE, der sich als derselbe wie der von der Abfahrt entpuppen sollte. Schnell ein paar Vierer erobert und so konnte man sich entspannt auf die Restfahrt einstellen.

Sagte ich entspannt? Kleiner Spaß, denn zumindest einer ließ wieder die Wilthenerkorken knallen. Angesteckt von der guten Laune, machte dann gefühlt das ganze Abteil bei zahlreichen Runden des allseits verehrten Spiels „Liste“ mit, wo neben obskuren Statistiken nebst unfassbaren Fakten die ein oder andere spannende Begegnung ihren verdienten Höhepunkt fand. Kurz vor Frankfurt erreichte man sogar noch ein stabiles Sudelniveau, was dem Zugbegleiter einiges an Augen zudrücken kostete. Mitten in die ausgelassene Stimmung, gepaart mit ordentlich Dezibel, platzte die Nachricht, dass man in Kürze Frankfurt Hauptbahnhof erreiche. Stimmt ja, heute war ja auch noch Fußi…och nö. Schnell die sieben Sachen gepackt und mit nicht zu knapper Nervosität aufgetankt, entließ uns der Zug in die mainische Metropole. Flugs zu den Schließfächern gestapft, wurde man (ein Glück nur von Kutten) von ein paar Eingeborenen kritisch beäugt und fing sich auch mal den ein oder anderen nicht ganz jugendfreien Spruch. In diesem Völkchen waren auch schon die ersten, die mit ihrer Kleidung verrieten, ein ganz bestimmtes Konzert besuchen zu wollen. Wie schon im Vorjahr von einigen praktiziert, wanderten wir entschlossen Richtung Taxi. Zunächst dem Typen klar gemacht, dass ein Herauslassen an der Nordwestkurve vielleicht nicht das Allerbeste sei und schon rollte das Teil. Nach Stau sowie sich steigernder Anspannung, passierten wir erfolgreich die hirnverbrannten doppelten Kontrollen und fanden uns alsbald im Gästeblock ein. Es war nur noch eine Viertelstunde bis Spielbeginn, was hieß, dass sich demnächst eingehakt wurde und die Duelle auf Feld und Rang begonnen werden konnten. Tja, was soll ich sagen zu ersten Halbzeit?

Hertha spielte wie gewohnt die größte Grütze und war mehr als einmal im Glück, dass die Frankfurter Angreifer einfach zu dämlich waren, den Ball reinzustolpern. Die Heimkurve erwischte nach meinem Ermessen zumindest im ersten Abschnitt einen Sahnetag: hohe Mitmachquote, gewohnt gutes Tifo, das macht schon ordentlich was her. Auch der Auswärtsblock kam gut in Schwung und lieferte solide ab. In der Halbzeit ein paar alten Bekannten guten Tag gesagt, fokussierte sich meine Aufmerksamkeit bald Richtung Zaun. Unsere Szeneleute hingen da teilweise zu viert und pöbelten kräftig in den Sitzplatzbreich. Nach einigem Suchen, war mir klar, weshalb. Nur wenige Meter neben dem Gästeblock saßen zwei verdächtig gekleidete Typen, wovon einer sogar ein UF-Shirt trug. Was für Affen. Der Jüngere der beiden wurde immer wieder knallrot und fühlte sich überhaupt nicht wohl, während der andere sich in erster Linie durch dämliches Grinsen und Achselzucken auszeichnete. Was für Helden! Das Sahnehäubchen dieser beiden Trottel gab es dann, als beim Freundschaftsgesang für den KSC in klassischer Fußballmanier die beiden Zeigefinger berührten. Einfach Gänsehaut. Nicht nur, dass man Homosexualität im 21. Jahrhundert für eine Beleidigung hält, nein, bei Hertha handelt es sich auch um eine Dame, was die Gesten dieser Intelligenzflüchtlinge noch bescheuerter wirken lässt. Schlussendlich verdunkelten sich beide Visagen. Grund dafür war, dass Selke im Strafraum gelegt wurde und der Unparteiische folgerichtig auf den Punkt zeigte. Kurzes Bangen noch, als dieser unsägliche Videobeweis eingeholt wurde, aber dann war es Gewissheit: Elfmeter! Der Gefoulte trat selber an, traf und sorgte so für ordentlich Ekstase im Block. Hertha blieb dran und konnte ein wenig später durch Leckie nachlegen. Hier wurde der Torjubel wieder durch die Zentrale in Köln kurzzeitig gestoppt, konnte aber nach Bestätigung doch fortgesetzt werden.

Den Frankfurtern gingen allmählich die Nerven flöten und so konnte man neben einer Roten wegen Tätlichkeit sogar ein Kullertor von Esswein bewundern. Auch die Nordwestkurve stellte nun die Aktivitäten weitestgehend ein, stimmte allerding noch zwei Mal ein „Auf die Fresse!“ an, was mich doch nochmal ein wenig schwerer schlucken ließ. Nebst einigen Versuchen, „Frankfurt, ihr Zigeuner“ anzustimmen, die sich allerdings nur kurz durchsetzten, rastete eine Kutte dann mit einem lauten „Zick, zack Zigeunerpack“ komplett aus und ließ seinem Hinterweltlertum freien Lauf. Unfassbar manchmal, wie viele Leute noch nicht im hiesigen Zeitalter angekommen sind.

Nach Abpfiff wollten wir nun schnellstmöglich wieder ein Taxi erhaschen. An einer Brücke spaltete sich unsere Reisegruppe unvorhersehbarer Weise auf und so waren Moritz, Micha, Robi und ich auf uns gestellt. Wir gingen weiter unseres Weges und kamen allerdings nur noch einmal ins Schwitzen, als wir ein paar versammelte Szenemenschen an einem Kiosk sahen. Letztlich erreichten wir wohlbehalten mit sämtlichen Knabberleisten das Taxi und fuhren Richtung Hauptbahnhof. Dort nach einiger Zeit mit dem Rest vereinigt, trieben wir erfolgreich noch was Essbares sowie ein paar Wasser auf. Der lohnende Bierkauf scheiterte leider Gottes an horrenden Preisen. Letztlich schafften wir es trotz Frankfurter Lads sicher zum ICE und auch ich ließ mich überzeugen, sofort mit einzusteigen und nach einem letzten wehmütigen Blick auf die geilen Frei.Wild-Shirts des die bahnhöflichen Fressbuden bevölkernden Geistesprekariats, pflanzte ich mich auf meinen Sitzplatz. Nach wenigen Runden Liste fielen mir plötzlich die Augen zu. Eine Stunde vor Mitternacht entließ uns der Zug in die relativ kalt gewordene Hauptstadt. Zuhause angelangt, hüpfte ich schnell in die Federn und schlief dank meines gelungenen Alternativprogramms in Frankfurt mit einem beglückten Schlandlove-Lächeln ein.

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