Werder Bremen – Hertha BSC 3:1

Zuschauer: 39.100

Ihr könnt euch es sicherlich vorstellen oder seid selbst schon diesen höchst steinigen Weg gegangen: Motiviert während einer Auswärtsfahrt sagt ihr den entsprechenden Bericht zu, macht euch eventuell sogar Notizen und dann… ja, und dann… dann gammeln die losen Ideen und die mit jedem Tag seltsamer anmutenden Notizen vor sich hin, bis es irgendwann zu spät ist. So wie jetzt – dabei hatte ich es mir in meiner riesigen Motivation und dank des Umstandes, dass ich Urlaub habe, so schön ausgemalt: Die ersten Zeilen hätten vor dem Abflug zu dem Spiel folgenden Urlaub am Flughafen Tegel entstehen sollen. Im Terminal. Da wären Leute wie von selbst auf die interessante Frage gekommen, was dieser adrette Typ da wohl in sein Notebook hämmert. Den Quartalsbericht eines Multi-Milliarden-Konzerns? Den Songtext seiner neuen Hitsingle? Candy-Crush? Und all die Vorstellungskraft hätte nicht ausgereicht, um darauf zu kommen, um was es sich hier wirklich handelt: All die absurden Dinge, die auf einer Auswärtsfahrt passieren und besprochen werden. Das Leben als Gruppisti. Die Chroniken der Gruppa Süd. In Farbe.

Also Handy-Notizen gezückt und mal schauen, was sich da rekonstruieren lässt. Nicht aufgeschrieben im 3.-Welt-Terminal in Tegel, sondern auf einem sommerlichen Balkon mit Blick über die albanische Riviera.

Bremen away – ausgerechnet an einem Dienstag. Andererseits, wie viele Vereine gibt es schon, die irgendwie besser gewesen wären an einem Dienstag? Wolfsburg war ja schon, Hamburg ist raus aus der ersten Liga… gut, wenigstens Hannover hätte es sein können. Mir war es gleich, hatte ja Urlaub, aber die ungünstige Anstoßzeit und das weit entfernte Weserstadion führen natürlich zu einer eher ungewöhnlichen Besetzung des Neuners: Neben den üblichen Gruppa-Mitgliedern (eh alles Studenten) gesellten sich vor allem Schichtarbeiter und Arbeitslose in unser Gefährt. Also doch der von mir so häufig dementierte Querschnitt der Gesellschaft? Mit mir bis dato unbekannten Mitfahrern und Fahrern (im Sinne von Fahrzeugführern) ging es jedenfalls von der Friedichstraße über die absurdesten Schleichwege zur Autobahn.

Robi übernahm einen Großteil der Unterhaltung der anfänglichen Schleichphase, hatte er doch sein bis zur Unkenntlichkeit zerstörtes Markentelefon gegen ein neues preiswertes und zugleich chinesisches Modell ausgetauscht – der Hinterbus staunte nicht schlecht, nicht nur über die Funktionen des neuen, sondern auch über die Umwidmung des alten zum Flaschenöffner. Dem Ruf der progressivsten Gruppe der Kurve wurde man wie immer gerecht, als über chinesische Kinderhände, die Unsinnigkeit von Fair-Trade-Phones und Wursthaarmenschen im Allgemeinen gesprochen wurde, ehe man sich gegenseitig und in Stellvertretung aller Gruppa-Mitglieder zur Benutzung von King-Size-Kondomen beglückwünschte. In meiner Memo heißt es dazu nur, und das möchte ich hier unkommentiert lassen, „Dicke Schwänze Gruppa Süd“.

Getragen von so viel Testosteron wurde PP alsbald in die Mangel genommen, hatte der Schlingel doch noch vor(!) der Auswärtsfahrt ein Date mit einer Freundin, die bald sogar seine Begleitung auf eine Halloween-Party wäre. Der unstillbare Durst nach Gossip, GZSZ-Episoden und vermeintlichen Sex-Geschichten endete bald in Emils trefflicher Zusammenfassung: „Wäre der Neuner ein Fingernagel, dann wären wir der Dreck darunter“. Gut gesagt (würde das „Berliner Fenster“ in der U-Bahn attestieren) und Ausschlag genug, sich wieder sachlichen Themen mit Fußballbezug zu widmen:

Die großen Drei, diesmal Auswärtsessen!

Dem geübten Beobachter fällt auf, wer immer(!) welches Essen mit hat. Die Kategorie zwang sich förmlich auf und so musste ein für alle mal die Liste der großen Drei – Auswärtsessen – definiert werden. Weil gleich sechs Mitfahrer befragt wurden, hier die Ergebnisse für die Ewigkeit.

Platz 3 teilen sich Hähnchen-Streifen von Netto, Fleischpeitschen, Bifi, Haribo Schlümpfe und, last but not least, Sprotten (wir erinnern uns gerne an Heidenheim away). Auf Platz 2 schaffen es laut Busbesatzung Knacker, Cabanossi, Prinzenrolle (die billige Kopie reicht), Eierplätzchen, getrocknete Bretzels und zur Überraschung vieler und auch des eigenen Körpers: Gemüsesticks mit Dip.

Dass der Auswärtsfahrer aber viel lieber mit Liebe zubereitete Speisen auf der Fahrt vertilgt, zeigt Platz 1 der großen Auswärtsessen:

  • Aufgebackene Brötchen mit Schweizer Käse (eine Nominierung, die im Übrigen eine lange Diskussion über Gruyere nach sich zog),
  • Harry-Bäcker Riesenstullen mit deutscher(!!!111!elf) Markenbutter und zünftigem Bierschinken,
  • selbst panierte und gebratene Hähnchenfilets im Brötchen,
  • Hackepeter-Brötchen mit Zwiebel und Gurke
  • und natürlich die zumindest selbst aufgebackene Auswärts-TK-Pizza, bestenfalls am Vortag gebacken und dann über Nacht noch leicht warm und deswegen etwas schwitzend in eine aromadichte Lockbox verpacken, sodass sich im Bus ein unvergleichliches Aroma entfalten kann.

Als das geklärt war, hatten wir die Heerstraße erreicht, Emil seine Sodastream-Flasche aus dem Schulranzen gekramt, umfunktioniert und die erste Flasche Wilthi bald durch. Entsprechend rapide ging es bergab mit den sachlichen Themen, die durch Geiern auf die am McDonalds erspähte Alica P. und umgedichtete Nena-Lieder auf Wilthener abgelöst wurden. Während der Bus zu „Dabei waren da im Edeka nur 99 Wilthener“ und „Wilthi wo Wilthi wie Wilthi wann“ abfeierte, rief Wuschel passenderweise zur Wilthener-Großdemo auf: „Cola und Wilthener #unteilbar“. Mit 10000 Promille und 20000 Dezibel ging es wegen der fortgeschrittenen Uhrzeit zügigst nach Bremen (und noch viel zügiger durch diesen Bericht) und damit zum unangenehmeren Teil der Fahrt.

Zum Spiel die wenigen obligatorischen Worte: Relativ verdient verloren. Hertha macht zu wenig, hat am Anfang auch etwas Pech (gepaart mit Unvermögen) und lässt sich durch solide Bremer den Schneid abkaufen. Da kann man sich im Nachhinein nicht beschweren. Für alle, die auf Hintergrundinfos zu Hools und Ultras stehen: Ich kann mich an nichts erwähnenswertes erinnen, und so wird auch die Stimmung hüben wie drüben durchschnittlich gewesen sein, obwohl ich bei genauerem Nachdenken den Auswärtsmob im Gegensatz zur Leistung auf dem Rasen ganz ordentlich fand.

Auf Empfehlung von Spamir Nacho parkte unser Gefährt derart beschissen, dass wir es nach kurzem Feindkontakt vorzogen, den sowieso viel zu langen Weg zum Auto mit Taxi zurückzulegen. Dieser Fahrt, der kurzen Begegnung mit den Ungewaschenen (Liebe geht raus!) und dem Verpflegungsstopp in Achim war es zu verdanken, dass das Spiel alsbald vergessen war und Schmelle die Fahrt mit dem alten Ich-hab-mein-Handy-an-der-Raststätte-liegen-lassen-Können-wir-nochmal-zurück-fahren-Trick gekonnt um eine weitere Stunde heiterer Lieder und unsinniger Telegram-Chats verlängerte. Zu viel für Neumi, der von der Abfahrt von der Berliner Stadtfahrt so jäh aus dem Schlaf gerissen wurde, dass seine Ein-Jahr-kotzfrei-Serie nichts anderes als beendet werden musste. Der Becher mit dem mehr als widerlichen Inhalt wurde in Berlins dunklen Gassen entsorgt, ausgekotzt haben wir uns diese Nacht aber alle ein bisschen: Nobody works here, nobody works but ***, er macht alles alleine!

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